Charaktere bewahren und aufbauen

Biohandel / April 1998 / Menschen / Detlef Stoffel

Charaktere bewahren und aufbauen - Zukunftschance der Branche
Detlef Stoffel, im Zeichen des Krebs 1950 in Bielefeld geboren, studierte nach dem Abitur zunächst Soziologie und Film und war Aktivist der Schwulenbewegung.
1977 gründete er mit anderen den Naturkostladen Löwenzahn in Bielefeld, der "Ende der 70er Jahre auch eine zeitlang als schwul/lesbisches Kollektiv arbeitete".
1984 Gründung des Großhandels, dem er heute noch als Geschäftsführer vorsteht. Seit 1994 Geschäftsführer der Marketing für Naturkost GmbH, die das Marketingkonzept Naturkost ißt einfach besser (nieb) entwickelt hat und organisatorisch betreut. Detlef war Mitbegründer des alten Bundesverband Naturkost, saß im Aufsichtsrat der Naturata-Genossenschaft, und ist seit 1989 Vorstandsmitglied im BNN Großhandel. Was er garnicht mag: Ignoranz, Lügen, Gerede "hinter dem Rücken", Dogmen, Gurus, Landleben, Rauchen, Regen, Fisch...
Was er mag: Offenheit, Direktheit, Denken, Reden, Planen, Reisen, Filme(n), Theater, Bücher, Stadtleben, Eisenbahnfahren, schöne (junge) Männer, Sonne, Kochen, Essengehen.
Welche Ansprüche hat die Naturkostbranche noch - neben dem des Verkaufens?
Das läßt sich natürlich nicht für die ganze Branche beantworten. Meine Beobachtung und Befürchtung ist, daß die wirtschaftlichen Interessen mit zunehmender Tendenz die inhaltlichen dominieren. Die Überlebenstrategie der Naturkostbranche müßte eigentlich darin liegen, klar, ehrlich, prägnant, unverwechselbar zu sein. Ich denke, daß viele bestehende und potentielle KundInnen genau das wünschen. Die Branche scheint allerdings eher dem "me-too"-Wahn zu verfallen und darin Kräfte zu vergeuden, dem Herkömmlichen immer ähnlicher werden zu wollen. Am Ende dieser Entwicklung ist sie nicht mehr unterscheidbar, also entbehrlich. Mut machen Initiativen wie die von Demeter, indem sie auf "Lebensmittel mit Charakter" setzen. Solche Lebensmittel erfordern natürlich auch Menschen mit Charakter, die damit arbeiten und Strukturen mit Charakter, damit das Ganze zusammenkommt. Charakterlosigkeit ist ein Zeichen dieser Zeit. Mensch schaue sich PolitikerInnen oder"daily soaps" an. Vielfältige Charaktere zu bewahren, aufzubauen, zu entwickeln ist ein grandiose Zukunftschance der Naturkostbranche.
Welche Chancen einer breiten, marktrelevanten Akzeptanz siehst Du für das BNN-Branchenmarketing-Projekt?
In ihrer Kleinkariertheit hat die Naturkostbranche als Gesamtheit noch nicht erkannt, daß entscheidende Instanzen wie Presse und VerbraucherInnen-Verbände sehr positiv auf das "N" für die Einkaufsstätte Naturkost-Fachgeschäft reagiert haben. Obwohl mit dem "N" und dem Konzept drumherum etwas geschaffen worden ist, das der Branche insgesamt sehr viel Nutzen bringen kann, sehe ich die Chancen für das Projekt nicht als rosig an: Korinthenkackerei und Egomanie könnten es bis zur Erfolgslosigkeit behindern. Dieses Ergebnis wäre allerdings von der Branche (nicht vom BNN)! "hausgemacht" - öffentliche Akzeptanz ist, wie schon gesagt, vorhanden und ausbaubar. Ich hoffe, daß die Erkenntnis von letzterem der Branche vielleicht doch noch einen "Ruck" gibt.
Der BNN-Hersteller hat eine deutliche Öffnung Richtung konventioneller Vermarktung beschlossen. Was heißt das für die Zusammenarbeit auf BNN-Ebene?
Daß sie in der bestehenden Form eingestellt werden sollte. Die BNN sollten sich darauf konzentrieren, ein Handelsverband (EH und GH) zu werden, der mit geeigneten Herstellern, die sich ja auch heute schon durchaus außerhalb des BNN-Herstellerverbandes befinden, auf der Basis seiner Anforderungen und Vorstellungen zusammenarbeitet. Was im übrigen die sogenannte "Öffnung" mancher Hersteller zur "konventionellen" Vermarktung" hin angeht, so erscheint mir dieser Schritt vor dem Hintergrund, daß einige dieser Hersteller oft schon bei einer Marketingaktion des Großhandels daran scheitern, ausreichende Warenmengen liefern zu können, geradezu grotesk.
Hat die real existierende Naturkost-Großhandelsstruktur Zukunft?
Nein. Besonders nicht, wenn die spießbürgerliche Preistreiberei, die zur Zeit en vogue ist, weiter "gepflegt" wird. Auch der Naturkostgroßhandel hat andere Aufgaben, als Pfennigfuchserei auf Kosten der Produktqualität zu betreiben: In einer sinnvollen Zusammenarbeit von überregionalen und regionalen Strukturen sollte ein Fachgroßhandelsnetz weiter entwickelt werden, das den Facheinzelhandel besonders auch unter Beachtung ökologischer Kriterien mit einem größtmöglichen Sortiment in bestmöglicher Qualität versorgt. Mit Charakter, versteht sich.
Vielen Dank für das Gespräch Die Fragen stellte Achim Wagner